Von hellen und dunklen Geheimnissen

Den ganzen Abend schon ist meine Tochter still. In sich gekehrt, ein wenig missmutig. Verschwindet in ihrem Zimmer, kehrt nach langer Zeit wieder zurück und schaut weg. Müde, ganz sicher. Nach so einem Tag.

Ich schaue auch weg, mache mir einen Tee und setze mich mit einem Buch auf die Couch.

Und dann, so plötzlich wie ein Platzregen nach langer Trockenheit, quillen Worte aus ihr hervor. Worte, die schneller sind als die Zeit, die sie braucht, um sie im Kopf zu formen und Worte, die zu viele sind als dass mein Kopf sie zu einem Ganzen zusammensetzen kann.

Schulhof. Tür war zu. Ich zurück. Noch zwei Kinder, aber kein Mensch vor dem Tor. Ein anderer Vater, aber der. Kein Handy. Angst. Nicht über dem Zaun klettern. Zu spät kommen. Aber lieber nichts Mama erzählen, hat der Mann gesagt.

Tränen, viele Tränen. Aber jetzt ist der Knoten gelockert.

Ich atme tief durch. Stelle Fragen und setze so das Geschehene zusammen, Puzzleteil für Puzzleteil.

„Warum hat der andere Vater gesagt, du sollest es nicht deiner Mama erzählen?“ Pause. Schlucken. „Er sagte, dass du sonst vielleicht schimpfst. Deswegen habe ich es lieber geheim gehalten.“

„Und wie fühlte es sich an, dieses Geheimnis mit dir herum zu tragen?“ Sie: „Gar nicht gut. Irgendwie grau und schwer.“

Mein Tee ist kalt. Aber meine Tochter und ich haben hier und jetzt herausgefunden, dass es unterschiedliche Arten von Geheimnissen gibt. Schlechte  Geheimnisse fühlen sich nicht gut an, werden aber leichter, wenn man sie mit jemandem teilt.

Gute Geheimnisse dagegen lassen einen im Inneren Lächeln. Pirouetten drehen. Vor Glück laut singen. Oder ganz leise werden, um jeden Buchstaben dieses G-E-H-E-I-M-N-I-S-S-E-S voller Genuss auszukosten.

Und manchmal brauchen sie einen eigenen Platz, diese sonnigen Geheimnisse. Vielleicht ja in einem Schreibtisch.

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